Jahresrückblick Magazin – Von Frauenverstehern und Engeln in der Not

Von Frauenverstehern und Engeln in der Not…

Schiedsrichter sollen unauffällig agieren – doch manchmal geraten sie in Situationen, in denen sie improvisieren müssen. Zum 100. Jubiläum der Schiedsrichtergruppe Bamberg, das anpfiff.info und Fränkischer Tag gemeinsam mit einer Serie begleiten, erzählen zehn Unparteiische ihre kuriosen oder lustigen Geschichten.

Der Selfie-Verhinderer
Wolfgang Reich (50, SV Heubach, seit 30 Jahren Schiedsrichter)

In einem Relegationsspiel schoss ein bereits gelbverwarnter Spieler den Treffer zum 2:0, rannte Richtung Zuschauer, schnappte sich ein Handy und wollte ein Selfie machen. Ich habe nur gedacht: „Das kann er doch nicht machen, das ist unsportlich.“ Und habe ihm das Handy aus der Hand gerissen und es Richtung Zuschauer geworfen. Es war eine Handlung aus dem Affekt heraus und keine Bosheit. Das habe ich dem Spieler erklärt und nach kurzer Zeit haben wir beide über die Situation gelacht. Und irgendwie habe ich den Spieler mit meiner Aktion ja auch vor der Gelb-Roten Karte bewahrt.

Wolfgang Reich (re.) ist seit 30 Jahren Schiedsrichter.

Der Mann deutlicher Worte
Peter Schirner (72, DJK-SV Geisfeld, seit 50 Jahren Schiedsrichter)

Früher war der Umgangston in den oberen Ligen schon etwas rauer. Ich erinnere mich an einen Amateur-Nationalspieler: Er war bekannt als Hitzkopf und für sein unangenehmes Auftreten. Ich habe irgendwann zu ihm gesagt, er soll seine Klappe halten, sonst fliegt er. Nach der Partie ging die Diskussion weiter. Der Spieler hat sich bei mir beschwert: „So etwas hat noch keiner zu mir gesagt.“ Ich habe geantwortet: „Ich habe auch noch nie einen so frechen Spieler gehabt.“ Dann hat er zwei Cola-Asbach geholt, die nächsten zwei habe ich gezahlt. Wie viele Getränke es insgesamt waren, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich habe den Spieler noch öfter gepfiffen, er hat nicht mehr reklamiert. Wir hatten nie mehr ein Problem miteinander.

 

Der Engel in der Not
Günther Reitzner (71, SpVgg Stegaurach, seit 49 Jahren Schiedsrichter)

Ich hatte meine damals sechsjährige Tochter bei einem Relegationsspiel in Unterfranken dabei und habe ihr vor der Partie gesagt: „Wenn ich zur Halbzeitpause pfeife und die Zuschauer auf den Platz laufen, darfst du auch zu mir aufs Spielfeld kommen.“ Aber es kam Hektik auf, nachdem ein Spieler seinem Gegner ans Geschlechtsteil gegriffen hatte. Ich musste zweimal Rot zeigen, Zuschauer stürmten das Spielfeld – und dazwischen meine Tochter mit ausgebreiteten Armen. Sie rief: „Papi! Engele, Engele flieg.“ Verdutzt tat ich wie mir geheißen und wirbelte meine Tochter im Kreis. Die Zuschauer spendeten Beifall – und die Situation entschärfte sich.

 

Der Überstunden-Experte
Markus Görtler (25, RSC Oberhaid, seit 11 Jahren Schiedsrichter)

Auf ein Spiel hätte ich gerne verzichtet. Es war eine Landesliga-Partie unter der Woche. Ich war schon im Stress, um pünktlich zur Platzbesichtigung vor dem Anpfiff um 18.30 Uhr da zu sein. Das ist mir gelungen, aber eine Mannschaft stand auf der Autobahn im Stau. Um 19.30 Uhr war das Team immer noch nicht da, also haben die Gastgeber eilig den Nebenplatz hergerichtet, um ein Flutlichtspiel zu ermöglichen. Dieser Platz war ein richtiger Acker, umso schwieriger war es zu pfeifen. Die Lichtverhältnisse waren auch nicht sonderlich gut. Dann folgte das nächste Problem: Ein Linienrichter bekam Magenkrämpfe, rannte Richtung Toilette. Ein Zuschauer ist eingesprungen, aber er war etwas beleibter als sein Vorgänger und passte nicht wirklich in das Trikot der Größe M. Wieder ist sehr viel Zeit vergangenen. Ich war froh, als ich die Partie, die eigentlich um 18.30 Uhr beginnen sollte, um 22 Uhr abpfeifen konnte. Es war grenzwertig, aber alles regelkonform.

Markus Görtler gibt seit mittlerweile elf Jahren als Schiri auf dem Platz die Richtung vor.

Der schmunzelnde Zuhörer
Roland Pickel (57, FV Giech, seit 18 Jahren Schiedsrichter)

Ein langer Ball in die gegnerische Abwehr. Eine Verteidigerin ruft ihrer Mitspielerin „Leo“ zu, um zu signalisieren, dass sie den Ball klärt. Doch die beiden krachen voll zusammen. In der folgenden Diskussion sagte eine Spielerin: „Wer ist dieser Leo? Den kenne ich nicht.“ Da konnte ich nicht mehr, ich musste in die Knie gehen und lachen. Erst nach mehreren Minuten konnte ich die Partie fortsetzen, musste aber immer wieder schmunzeln. Es war mir so peinlich, aber ich habe diesen Satz nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

 

Die Frau unter Männern
Anja Gebhard (20, TSV Hirschaid, seit 7 Jahren Schiedsrichterin)

Als Frau ist es immer etwas Besonderes, ein Männer-Spiel zu pfeifen. Aber wenn man selbstbewusst auftritt, hat man kein Problem. Ich teile meine Entscheidungen immer sehr direkt mit und gestehe mir auch Fehler ein. Das kommt wohl gut an, beleidigt hat mich noch kein Spieler. Es kommt sowieso vor, dass Spieler eher nach der Partie mit mir ins Gespräch kommen wollen – abends, wenn man sich zufällig beim Weggehen trifft. Da sind einige schon ziemlich „flirty“ unterwegs und es gab die eine oder andere witzige Situation.

 

Der zunächst verhinderte Helfer
Andreas Oppelt (46, SV Walsdorf, seit 20 Jahren Schiedsrichter)

Bei einem intensiv geführten Entscheidungsspiel waren wir Schiedsrichter voll gefordert, aber es lief alles glatt. In der Halbzeitpause ging es dann in die Kabine – und auf einmal tut es einen Riesen-Schlag. Der alte Terrassenstuhl aus Plastik war unter dem Haupt-Schiri zusammengebrochen und unser Kollege steckte im Rohrgestänge fest. Mein Assistenten-Kollege und ich haben uns gekugelt vor Lachen. Der Haupt-Schiri fand es nicht so lustig, dass wir ihn nicht gleich aus seiner Situation befreit haben und ist ziemlich sauer aus der Kabine gestürmt – ohne Ball und Karten. Die haben wir ihm dann mitgebracht, dafür hat man ja Assistenten.

 

Der lachende Frauenversteher
Carlos Brodmerkel (53, Viktoria Bamberg, seit 12 Jahren Schiedsrichter)

Frauenfußball – eine Spielerin liegt verletzt am Boden, ihre Teamkolleginnen fordern lautstark, dass der Ball ins Aus gespielt wird, um die Behandlung zu ermöglichen. Dann nimmt plötzlich eine Spielerin den Ball in die Hand und schmeißt ihn ins Aus. Das war natürlich absichtliches Handspiel. Aber ich konnte zunächst nicht pfeifen, weil mir vor Lachen die Tränen in die Augen geschossen sind. Es war nicht böse gemeint, aber jeder kennt Situationen, wenn man nicht mehr aufhören kann zu lachen. Ich habe danach das Gespräch mit der Spielerin gesucht – und natürlich auch auf die Gelbe Karte verzichtet.

Carlos Brodmerkel ist an den meisten Wochenenden als Schiri mehrfach im Einsatz.

Der Ersatztrainer
Michael Demus (58, Spfr. Steinsfeld, seit 30 Jahren Schiedsrichter)

Es war Anfang der 90er Jahre. Ich sollte ein C-Jugendspiel des TSV Uchenhofen pfeifen, aber eine halbe Stunde nach dem eigentlichen Spielbeginn war vom Gegner nichts zu sehen. Die Jungs aus Uchenhofen waren total enttäuscht und traurig. Also habe ich mich entschlossen, mit den Jungs ein eineinhalbstündiges Training zu machen. Die Spieler waren voll engagiert und total begeistert. Diese Geschichte hat mich als Schiedsrichter geprägt. Es war ein Signal für mich, wie schön Fußball sein kann, wenn Spieler, Verein und Schiedsrichter zusammenarbeiten.

 

Der Eingesperrte
Manfred Dütsch (56, SV Priesendorf, seit 30 Jahren Schiedsrichter)

Bei einem Vorbereitungsspiel habe ich die Passkontrolle auf dem Platz gemacht und bin danach zurück in die Kabine. Das war ein Fehler, denn plötzlich war ich eingesperrt. Ich habe versucht, mich bemerkbar zu machen. Vergeblich. 20 Minuten nach dem eigentlichen Anpfiff haben sich dann die Spieler gewundert, wo ich bleibe und das Spiel konnte endlich losgehen. Aber ich habe die Zeit wieder reingeholt, das Testspiel ging dann nur zweimal 30 Minuten.

 

Quellen: anpfiff.info und FT-Bamberg

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