Jahresrückblick Magazin – Im Hause Gebhard

Im Hause Gebhard: Pfeifen ist Familiensache

Gertrud Gebhard ist eine Pionierin unter den Schiedsrichterinnen. Tochter Anja teilt ihre Leidenschaft. Gemeinsam begleiten der Fränkische Tag und anpfiff.info das 100-jährige Jubiläum der Bamberger Gruppe, das diese im Jahre 2019 feiern durfte.

 

 

Gertrud Gebhard muss kurz überlegen. „Ja, es wird schon“, sagt sie in einem skeptischen Unterton und schmunzelt. Neben ihr sitzt Tochter Anja, auch sie schmunzelt. Mutter Gertrud soll schildern, wie sich ihre Tochter als Schiedsrichterin schlägt. Die 57-Jährige beschreibt sich als kritische Beobachterin und setzt die Messlatte beim Nachwuchs hoch an. Und Gertrud Gebhard weiß, wovon sie spricht. In den 1990er Jahren zählt die Hallstadterin zu den Pionierinnen unter den Schiedsrichterinnen.

 

Gertrud (li.) und Anja Gebhard, Mutter und Tochter, sind für die Schiedsrichter-Gruppe Bamberg im Einsatz. Diese hat insgesamt 430 Schiedsrichter, davon sind 20 Frauen. Aktiv pfeifen sieben Schiedsrichterinnen, 13 sind passiv.

 

„Wenn Blicke töten könnten…“

Als erste Frau pfeift Gebhard, damals unter ihrem Mädchennamen Regus, Spiele bei den Männern. „In meinen ersten beiden Spielzeiten habe ich 13 Rote Karten gebraucht. Die habe ich die nächsten zehn Jahre insgesamt nicht gebraucht“, sagt sie. Mit den harten Strafen verschafft sie sich bewusst Respekt. Sprüche, sie gehöre an den Kochtopf, lassen Gebhard kalt. Sie setzt sich in der Männerdomäne Fußball durch – auf ihre Weise. „Am Anfang durften die Spieler bei mir nicht meckern, da war ich streng. Mir haben Spieler gesagt, wenn Blicke töten könnten, wären sie auf dem Fußballplatz gestorben.“

 

Weil die Hallstadterin erst spät die Möglichkeit bekommt, selbst aktiv zu spielen, fängt sie früh mit dem Pfeifen an. „Zu mir wurde gesagt, dass ich Schüler und Jugend pfeifen könne, mehr aber nicht. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt“, erinnert sich Gebhard. Die Skepsis der anderen ist ihr Ansporn. Und ihre Karriere kennt zunächst nur eine Richtung – nach oben. Gebhard stellt Rekorde auf. Als erste Frau wird sie auf die DFB-Liste gesetzt (1993), leitet als erste Schiedsrichterin ein Länderspiel der Frauennationalmannschaft und das DFB-Pokalfinale der Frauen (1992). Auch bei den Männern setzt Gebhard Maßstäbe.

 

Gertrud Gebhard im November 2018 bei einem Spiel in Trunstadt.

 

1993 ist Gebhard bei der Partie Sandhausen gegen Karlsruhe als erste Frau bei einem Pokalspiel als Linienrichterin im Einsatz. Zwei Jahre später: Debüt in der 1. Bundesliga. Gebhard assistiert bei der Partie FC Schalke 04 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Neben ihrer Bundesliga-Premiere bezeichnet Gertrud Gebhard vor allem die Frauen-Weltmeisterschaft 1991 in China, wo sie im Endspiel Linienrichterin war, als ihre schönsten Erlebnisse. „Das war grandios und bleibt immer in Erinnerung.“ Ihr zweiter Bundesliga-Einsatz beim Spiel Bayer Leverkusen gegen Hansa Rostock 1996 soll gleichzeitig ihr letzter sein. Ihr Aufstieg in die höchsten Ligen endet abrupt. 1996 steigt sie aus der drittklassigen Regionalliga ab. Vom DFB erfährt sie nur, sie sei ohne Perspektive. Aus Verärgerung lässt Gebhard die Pfeife stumm, ist nur als Beobachterin für die Bamberger Gruppe tätig. „Ich habe 15 Jahre lang kein Fußballspiel mehr geleitet und erst mit meiner Tochter wieder angefangen, zu pfeifen“, sagt Gebhard. Dem Nachwuchs gibt Gebhard nach wie vor wertvolle Tipps an die Hand, gibt ihre Erfahrung weiter. Vor allem an ihre Tochter Anja.

 

„Ich pfeife besser als ich spiele“„Mama ist meine eigene Beobachterin“, sagt Anja Gebhard, die seit sechs Jahren als Schiedsrichterin aktiv ist. „Ich habe auch einmal probiert, selbst Fußball zu spielen, aber ich muss ehrlich zugeben: Ich pfeife besser als ich spiele“, sagt die 21-Jährige. In die Fußstapfen ihrer Mutter will Anja Gebhard nicht treten: „Berufsbedingt ist es bei mir nicht möglich, höher zu pfeifen.“ Während Gertrud Gebhard anfangs noch belächelt wurde, hätten es Schiedsrichterinnen 24 Jahre nach der Bundesliga-Premiere ihrer Mutter leichter. „Heutzutage ist es ja nichts Neues, wenn eine Frau pfeift. Da freuen sich die Männer auch mal“, sagt Anja Gebhard. Machosprüche habe sie noch nie gehört. Das liege auch an ihrem Auftreten: „Ich bin ein Mensch mit viel Selbstbewusstsein und das hat mir als Schiedsrichterin extrem geholfen.“

 

 

Anja Gebhard im November 2017 im Einsatz.

In der Kreisliga pfeift sie im Gespann mit ihrer Mutter. Muss Anja in der Kreisklasse die Männer im Alleingang zähmen, ist Mutter Gertrud, wenn sie spielfrei ist, meist als Zuschauerin dabei und gibt ihrer Tochter Tipps. „Früher wären wir froh gewesen, wenn uns Kollegen zum Spiel begleitet und uns vor, während und nach dem Spiel Verbesserungsvorschläge gegeben hätten“, sagt Gertrud Gebhard.

 

Sich selbst sieht die 57-Jährige als Wegbereiterin für Schiedsrichterinnen im Männerfußball. Trotz ihres plötzlichen Endes in der Bundesliga. „Dadurch, dass ich die erste war, habe ich gezeigt, dass es auch Frauen schaffen können.“ Für ihre Pionierarbeit und ihr jahrzehntelanges Engagement als Schiedsrichterin wird Gertrud Gebhard von der Schiedsrichtergruppe Bamberg für ihr Lebenswerk geehrt.

 

Bei den Bamberger Schiedsrichtern sind Frauen zwar noch immer in großer Unterzahl, mittlerweile gibt es aber 16 Schiedsrichterinnen. „Das Schöne an unserer Gruppe ist, dass sie integriert sind und mitgenommen werden“, sagt Gebhard. Um den pfeifenden Nachwuchs wird sich Gertrud Gebhard weiterhin kümmern – und wenn es sein muss, auch Fehler ansprechen.

 

Quelle: anpfiff.info

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